FOTO-WELTARCHIV

Meine Versuche, Freunden oder Bekannten den Aufbau eines Foto-Weltarchivs zu erklären, führen immer wieder zu ungläubigem Staunen.

Wie kann jemand auch nur die verrückte Idee haben, eine Foto-Datei aufzubauen, welche alle auf der Erde möglichen Bilder beinhaltet. Gemeint ist in der Tat und ohne jede

Ausnahme, dass eine Datei mit allen Fotografien aufgebaut werden kann, die jemals auf der Welt gemacht wurden. D. h., gespeichert sind alle Aufnahmen, ob sie vom Profi, vom Hobbyfotograf oder von irgendeinem Knipser in Berlin , Hongkong oder Sydney gemacht wurden. Die Datei enthält sogar Fotos, die zwar nie gemacht wurden, aber hätten gemacht werden können, wie z. B. die Kernkraftkatastrophe im Innern der Reaktoren in Fukushima oder Fotos von einem Tsunami aus einem Helikopter in einer Höhe von10 ,20 oder 30 Metern. Nochmals: Das Archiv beinhaltet alle Bilder, die von jedem beliebigen Punkt der Welt aufgenommen werden können, seien es Verhandlungen hinter geschlossenen Türen, Terroranschläge oder irgendwelche Andockmanöver im Weltall.

Mein Archiv zeigt aber auch Nofretete und Cäsar beim trauten Treffen während einer Nilfahrt, natürlich zu jeder Tages- und Nachtzeit und selbstverständlich mit oder ohne Krokodile. Spätestens bei dieser Erklärung reduziert sich das Interesse meines Gegenüber auf ein Mindestmaß an Höflichkeit.

Dass mein Foto-Weltarchiv auch mit Abbildungen bestückt ist, die zurzeit noch gar nicht existieren, ist schwer vermittelbar, da jeder noch so freundliche Zuhörer spätestens jetzt das Zuhören einstellt. Dabei ist es ganz einfach, der Ehrlichkeit halber formuliere ich theoretisch einfach, z. B. schon heute alle Kunstwerke zu erfassen, die jemals in der Zukunft geschaffen werden. Fotos von allen Automobilen, ja alle Entwürfe von Automodellen, die es je geben wird, kann ich zur Verfügung stellen. In meinem Archiv sind natürlich auch alle zukünftigen Erfindungen in allen erdenklichen Varianten.

Jetzt ist es Zeit, den Aufbau meiner Datei darzustellen, wobei minimale Grundkenntnisse der digitalen Fotografie und der Kombinatorik notwendig sind.

Zunächst wird unterstellt, dass die Bilder digital dargestellt sind und der rechnerischen Einfachheit halber wird eine Bildgröße von 387 mal 258 Pixel (Bildpunkte) zugrunde gelegt. Dies bedeutet eine gerundete Gesamtgröße von 100 000 Pixel pro Bild und bei einer Auflösung von 72 ppi (Pixel pro Inch) ein Druckformat von rund 13,5 x 9 cm. Der Farbmodus wird auf Graustufen mit einer Bittiefe von 28 beschränkt, d. h., jedes Bildpixel kann durch 256 unterschiedliche Farben dargestellt werden. Diese Informationen kennt jeder Hobbyfotograf, der mit einer Digitalkamera fotografiert.

Wenn bei digitalen Bildern jede Aufnahme – im Gegensatz zum analogen Bild – aus einer zahlenmäßig begrenzten Anzahl von Pixel besteht, dann muss es möglich sein, jedes erdenkliche Bild am Rechner zu konstruieren.

Nach den Regeln der Kombinatorik gibt es bei 256 unterschiedlichen Farben für ein Pixel 256 mal 256 Möglichkeiten, wenn 2 Pixel miteinander kombiniert werden, das sind 2562 , also 65536 Möglichkeiten. Bei 100000 Pixel berechnet sich die Anzahl aller Kombinationsmöglichkeiten mit 256100000 . Dass ein handelsüblicher Taschenrechner diese Berechnung nicht leisten kann, ist vorhersehbar, er passt bereits bei 25642 . Online-Rechner im Internet versagen etwa bei der Potenz 256128. Bleibt also nur die gute alte Technik „von Hand“. Zu berechnen ist 256100000 .das ist (28)100000 was (210)80000 entspricht. Der Wert von 28 ist zwar 1024, wird aber im Folgenden vereinfacht mit dem Wert 1000 angenommen. Also lautet die Berechnung jetzt 100080000 oder (103)80000 was letztendlich 1e240000 ergibt. Die Zahl aller möglichen Farbkombinationen unter Beachtung der gemachten Prämissen liegt als bei dem Wert von 1 mit einer Anzahl von 240000 Nullen (eine Billion hat übrigens eine 1 mit gerade mal 12 Nullen).

Das menschliche Vorstellungsvermögen versagt vollkommen bei der Vorstellung über die Größe einer Bilddatei, die all diese Kombinationsmöglichkeiten enthält, zumal es auch ansatzweise keine Rechnerkapazitäten gibt, um eine solche Datei zu verwalten. Dass in dem beschriebenen Foto-Weltarchiv der größte Teil der Bilder unbrauchbar ist, da natürlich der Großteil unsinnige, total verzerrte und unbrauchbare Bilder enthält, ist offenkundig, aber diese Bilder müssten erkannt und aussortiert werden.

Das theoretische Konstrukt des Foto-Weltarchivs ist einfach; die technischen Möglichkeiten, um „den Schatz zu heben“, sind allerdings noch nicht gegeben.

Schriftsteller und Nobelpreisträger Hermann Hesse „Damit das Mögliche entsteht, muss immer das Unmögliche versucht werden“.